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1) EINLEITUNG
Reaktionszeit-Messungen zeigen heutzutage oft eine Bindung an das Informationsprozess-Paradigma an. Das
war aber nicht immer der Fall. Reaktionszeit-Messungen wurden schon lange vor dem Computerzeitalter und
dem Informationsprozess-Paradigma für diverse psychologische Zwecke verwendet. Die Wandlung der
Reaktionszeit-Forschung zeigt somit den Aufstieg der Kognitiven Psychologie an. Im Folgenden wird der
Ursprung der Reaktionszeit-Forschung beschrieben, welchen Beitrag sie zur Entwicklung des Informations-
prozess-Paradigmas hatte und welche Erkenntnisse ber Kognition aufgrund von Messungen der Reaktionszeit
möglich waren.
Gibt man Personen die Möglichkeit, zwischen zwei oder mehr Stimuli (Reizen) und zwei oder mehreren
Reaktionen zu wählen, können Entscheidungsprozesse mit Reaktionszeit-Experimenten untersucht werden. Das
Hauptaugenmerk der kognitiven Psychologen ruht dabei hauptsächlich auf der Auswahl-Reaktionszeit (CRT for
choice reaction time. Vgl. Lachman, S. 133). Die Auswahl-Reaktionszeit (im Folgenden als CRT gekürzt)
reagiert hierbei sensibel auf Unterschiede in der zeitlichen Dauer der Bearbeitung: Je schwerer die zu
verarbeitende Information, desto länger der Prozess.
2) GESCHICHTLICHER BERBLICK DER REAKTIONSZEIT-FORSCHUNG
Der Grund, warum man auf die Reaktionszeit-Forschung aufmerksam wurde, ist in der Astronomie zu finden.
Bei der Beobachtung himmlischer Tätigkeiten kam es immer wieder zu höchst unterschiedlichen Schätzungen
durch verschiedene Astronomen. Donders, ein niederländischer Physiologe, leistete durch seine Forschungen zu
diesem Phönomen einen der wichtigsten Beiträge zur Reaktionszeit-Forschung.
In seiner 1868 erschienenen Studie Die Geschwindigkeit des mentalen Prozesses unterscheidet er zwischen
drei Reaktionszeit-Aufgaben:
Aufgabe
Anzahl der Stimuli/ReizeAnzahl der Reaktionen
Gemessener geistiger Prozess
A
1
1
Einfache Reaktionszeit
B
Mehrere
Mehrere
Einfache Reaktionszeit
Klassifizierung des Stimulus
Antwortauswahl/Reaktionsauswahl
C
Mehrere
1
Einfache Reaktionszeit
Klassifizierung des Stimulus
vlg: Lachman, R.: Cognitive Psychology and Information Processing. S. 134
Aufgabe A besteht nur aus einem Stimulus und einer Antwort, wohingegen bei Aufgabe B (CRT genannt)
komplexere Entscheidungen getroffen werden müssen. Angenommen es sind zwei Lichter und zwei Tasten vor-
handen, wobei die linke Taste gedrückt werden muss, wenn das linke Licht leuchtet und vice versa, dann ist die
Auswahl-Reaktionszeit die Zeitspanne bis zum Drücken der korrekten Taste. Bei dieser Aufgabe kann eine be-
liebte Anzahl von Stimuli und Antworten verwendet werden. Donders Aufgabe C hat multiple Stimuli, aber nur
eine Antwort. Angenommen es sind zwei Lichter vorhanden, wird die Taste nur gedrückt, wenn das linke Licht
aufleuchtet. Im Gegensatz dazu geschieht beim Aufleuchten des rechten Lichts nichts.
Für ihn beinhaltet zum Beispiel Aufgabe B drei Prozesse:
1) Die einfache Reaktion die Zeit, um auf einen Stimulus zu antworten
2) Klassifizierung des Stimulus die notwendige Zeit, um sich zu entscheiden, welcher Stimulus präsentiert
wurde
3) Antwortauswahl die notwendige Zeit, um die richtige Taste auszuwählen
Um die notwendige Zeit für die Klassifizierung des Stimulus zu erhalten, muss Aufgabe A von Aufgabe C
abgezogen werden, die Zeit der Antwortauswahl ist durch die Subtraktion von Aufgabe C von Aufgabe B er-
sichtlich. Donders Hypothese lautet also, dass Reaktionszeit zur Schätzung der Geschwindigkeit innerlicher
kognitiver Prozesse verwendet werden kann.
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